ULRIKE BRAUN, DER Touristik

„WIR HELFEN, DIE KRISE BESTMÖGLICH ZU ÜBERSTEHEN“

Ein Gespräch zum Jahresanfag mit Ulrike Braun über das Thema Nachhaltigkeit, die dramatischen Auswirkungen der Krise in den Zielgebieten und wie der Konzern weiterhin Projekte unterstützen will.

„WIR HELFEN, DIE KRISE BESTMÖGLICH ZU ÜBERSTEHEN“
Foto: DER Touristik Group// ULRIKE BRAUN, Director Corporate Responsibility bei der DER Touristik
Frau Braun, Sie sind gut fünf Jahre bei DER Touristik für den Bereich Nachhaltigkeit verantwortlich, waren vorher bei Aldi-Süd und bei Swarowski unterwegs. Ist das nicht ein großer Sprung gewesen?
Ich komme nicht aus dem Tourismus, die inhaltlichen Herausforderungen sind aber sehr ähnlich. Natürlich ist die Reisebranche eine andere, und da musste ich mich natürlich erst einarbeiten. Aber das ist mir in den letzten fünf Jahren gut gelungen.

Trotzdem sind das Aufgaben und Funktionen, die man von außen nicht sofort versteht. Was bedeutet Corporate Responsibility und wird das Thema Nachhaltigkeit nicht gerne als ein Art Alibi für Konzerne genutzt?
Ich sehe das nicht so. Ich gebe Ihnen aber Recht, dass viele beim Thema Nachhaltigkeit vielleicht nicht genau wissen, was man sich darunter vorstellen muss und was dazugehört. Es ist also wichtig, dass man als Nachhaltigkeitsabteilung im Unternehmen auch kommuniziert, was man tut und damit die Kollegen und Führungskräfte im Unternehmen mitnimmt. Und ich bin sicher, es wird in Zukunft als Thema immer wichtiger werden.

Wo ist die Abteilung in der Unternehmensstruktur angeordnet?
Ich führe bei der DER Touristik ein Team mit drei Leuten, und wir sind direkt beim CEO Sören Hartmann angegliedert. Wir berichten direkt an die Geschäftsführung, und das unterstreicht die Bedeutung der Nachhaltigkeit bei der DER Touristik deutlich.

Das heißt, Sie sind auch länderübergreifend in der DER Touristik-Gruppe für das Thema zuständig. Gibt es da Unterschiede in der Mentalität der einzelnen Länder bei diesem Thema?
Sie setzen natürlich unterschiedliche Schwerpunkte. In Großbritannien beispielsweise ist das gesellschaftliche Engagement sehr ausgeprägt. Da ist den Menschen der Tierschutz wichtig. In den nordischen Ländern sind wiederum Menschenrechte weit vorne dabei. Ich beobachte, dass es inhaltliche Nuancen gibt, was in einem bestimmten Land für die Menschen wichtig ist.

Wie schlägt sich das in der praktischen Arbeit nieder?
Das macht in der Arbeit kaum einen Unterschied. Wir decken alle Bereiche ab, und die Kollegen sind da extrem engagiert und haben viele tolle Ideen. Ich finde es sehr bereichernd, mit unterschiedlichen Kollegen und Nationen zusammenzuarbeiten, weil da viele neue Impulse und Themen entstehen.

Und das bündelt sich sozusagen in Ihrer Abteilung. Wie kommen dann diese Ideen auf die Straße?
Die Ideen kommen bei uns an, und unsere Aufgabe als Nachhaltigkeitsabteilung ist es, die Rahmenbedingungen zu setzen und Vorgaben zu schaffen. Es ist wichtig, in engem Austausch mit den Fachbereichen und Produktbereichen zu sein, weil hier letztendlich die Tourismusexperten sitzen. In Deutschland haben wir zum Beispiel ein Steering Committee, dort sind die Führungskräfte vertreten, mit denen die Themen abgestimmt werden. Diese werden dann auf die Gruppenebene getragen sowie auch in die Fachbereiche hinein. Das funktioniert übrigens in beide Richtungen: Vorschläge kommen aus den Fachbereichen, werden zu uns getragen, und wir bringen sie dann in die entsprechenden Gremien und zu den Verantwortlichen.

Sie arbeiten bereits viele Jahr in diesem Bereich. Stellen Sie eine Veränderungen in der Gesellschaft und im Bewusstsein der Kunden fest?
Ja, das stelle ich schon fest. Anfangs war es schwieriger mit dem Thema Nachhaltigkeit im Tourismus, auch auf Verbraucherseite. Es ist nicht jedem so bewusst gewesen, was die Themen sind und was jeder dazu beitragen kann.

Hat die jüngere Generation mit Fridays for Future etwas bewegen können?
Fridays for Future hat uns ein großes Stück weitergebracht. Und zwar nicht nur ins Bewusstsein von Unternehmen, sondern auch von Kunden und Verbrauchern. Da habe ich in den letzten Jahren schon entscheidende Veränderung festgestellt, und ich glaube auch, mit Covid-19 wird sich noch einmal einiges ändern.

Man merkt schon, dass die Pandemie und ihre Folgen die Diskussion verschärft und vorantreibt. Doch manche sagen, dass wir wieder in alte Routinen zurückfallen werden.
Ja, das gibt es viel Diskussion, und wir alle wissen noch nicht, wie es sein wird, wenn wir wieder reisen können und sich alles normalisiert. Aber die Hoffnung ist da, dass ein Umdenken stattfindet und dass Geschäftsprozesse anders gestaltet werden müssen, dass man einen resilienteren Tourismus aufbaut. Es wird Veränderung stattfinden müssen, und wir hoffen, dass auch der nachhaltigere Tourismus an Bedeutung gewinnt.

Beobachten Sie, dass dieser gute Fortschritt insgesamt in der Branche wahrgenommen wird?
Es passiert sehr viel in der Branche, wie übrigens auch in anderen Wirtschaftsbereichen. Bei denen, die sich für Nachhaltigkeit interessieren, erlebe ich die Kollegen als unglaublich engagiert und ambitioniert. Sie wollen wirklich etwas voranbringen. Ohne Nachhaltigkeit wird es der Tourismus schwer haben.

Mit den Folgen der Pandemie leiden vermutlich auch viele Projekte, die von der DER Touristik Foundation unterstützt werden. Wie sieht die Lage aus?
Es war anfangs wirklich verheerend, was wir an Rückmeldungen erhalten haben aus Kambodscha, aus Vietnam, aus Afrika. Und die Situation hat sich nicht gebessert, weil die Touristen nach wie vor ausbleiben.

In den meisten Ländern erhalten die Leute überhaupt keine staatliche Unterstützung, so wie wir das jetzt in Deutschland kennen. Was hören Sie von den Menschen vor Ort?
Sie sind weitgehend auf sich selbst gestellt, haben ihre Jobs verloren und oft kein Einkommen. Wer Ersparnisse hatte, der wird sie in den letzten Monaten aufgebraucht haben. Deswegen führen wir über die DER Touristik Foundation die Unterstützung fort und halten an Partnerschaften fest. Wir haben aufgrund der Krisensituation auch einige neue Projekte aufgenommen. Andere, die eigentlich abgeschlossen waren, setzen wir fort, um eine Überbrückung zu schaffen.

Können Sie uns ein Beispiel geben?
In Kambodscha sind wir an dem Smiling-Gecko-Projekt beteiligt. Es ist ein sogenanntes Cluster-Projekt und führt Landwirtschaft, Tourismus und andere Bereiche zusammen mit dem Ziel, Menschen in Erwerbstätigkeit zu bringen. Dort ist die Krise besonders schlimm. Kambodscha ist stark auf den Tourismus angewiesen, aber auch von der Textilindustrie abhängig. Und beide Bereiche sind drastisch eingebrochen. Die Menschen haben jetzt schlicht und einfach keinen Erwerb mehr. Bauern, die Kredite aufgenommen haben, um ihre Felder zu bewirtschaften oder um Eigentum zu besitzen, sind hoch verschuldet und mussten einiges wieder abgeben. Häufig wissen die Menschen überhaupt nicht, von was sie sich ernähren sollen. In dem Projekt fielen auch viele Arbeitsplätze weg, viele Mitarbeiter mussten entlassen werden. Wir sind aber nach wie vor dort tätig und finanzieren weiterhin die Ausbildung von jungen Kambodschanern, die im touristischen Bereich arbeiten. Ein anderes Projekt in Vietnam kümmert sich um benachteiligte Jugendliche und Straßenkinder, die in der Gastronomie ausgebildet werden. Dort gibt es Bildungszentren und Trainings-Restaurants, in denen die 21Jugendlichen ihr erlerntes Wissen praktisch üben und anwenden können. Das finanziert sich vor allem durch die Touristen, die jetzt ausbleiben. Daher haben wir uns bereit erklärt, Trainees aus diesem Bereich für die nächsten 24 Monate weiter zu unterstützen, also die Ausbildungen zu fördern.

Wir haben in Deutschland unser Augenmerk sehr auf uns selber gestellt und schauen wenig in andere Länder. Wie gehen Sie da vor?
Wir achten darauf, in engem Austausch zu bleiben und bekommen alle Informationen von den Partnern. Woran fehlt es jetzt? In Thailand zum Beispiel unterstützen wir ein Elefanten-Camp, damit die Tiere und ihre Pfleger weiterhin ihr Auskommen haben. Es ist ja alles eingebrochen. Wovon sollen die Tiere ernährt werden? Wie sollen die Veterinäre bezahlt werden? Wir waren mit NGOs vor Ort in Kontakt und haben ein Paket geschnürt, um diese Einrichtung in der Krise unterstützen zu können – eine Art Überbrückungshilfe, bis die Touristen wieder zurückkehren.

Eine gute Sache, angesichts der weltweiten Probleme ein kleiner Schritt.
Natürlich kann die DER Touristik nicht die Krisen der Welt lösen. Aber wir können da, wo wir Partnerschaften haben, unsere Freunde und Partner unterstützen. Wir wollen sie in der aktuellen Situation nicht fallen lassen, sondern ihnen helfen, die Krise bestmöglich zu überstehen.

Wir danken fürs Gespräch!