PETRA HEDORFER, DZT

„Wir brauchen Reisekorridore“

Wann springt das Geschäft mit den Auslandstouristen wieder an? TRVL Counter sprach mit Petra Hedorfer, Vorstandsvorsitzende der Deutschen Zentrale für Tourismus (DZT), über die Voraussetzungen für einen Neustart des Top-Reiseziels Deutschland.

„Wir brauchen Reisekorridore“
PETRA HEDORFER wirbt im Ausland für Deutschland als touristisches Reiseziel. Deutschland erhält regelmäßig Bestnoten von Besuchern und Gästen.
Wie dramatisch ist der Rückgang im Incoming Markt seit der Pandemie?
Nach den Zahlen der UNWTO ist der Tourismus weltweit um 70 Prozent eingebrochen, und das trifft natürlich auch auf Deutschland zu. Wir haben bis einschließlich September 60 Prozent weniger internationale Übernachtungen zu verzeichnen. Das ist natürlich ein massiver Einbruch. Konkret fehlen uns 50 Millionen Übernachtungen und rund 18 Milliarden Euro Umsatz durch das fehlende IncomingGeschäft, und der zweite Lockdown trübt die Aussichten bis zum Ende des Jahres natürlich. Wir gehen davon aus, dass wir auch etwa 70 Prozent Einbruch bis Ende des Jahres 2020 haben werden.

Das sind Horrorzahlen. Wann könnte eine Besserung eintreten?
Aktuelle Studien und die Market Insights, die wir aus unseren Auslandsbüros bekommen, deuten an, dass es vermutlich mindestens bis 2023 dauert, bis wir wieder auf dem Niveau von 2019 sind. Das entspricht 90 Millionen Übernachtungen.

Eine stattliche Zahl…
Die vor allem damit zusammenhängt, dass das Reiseland Deutschland sich ein exzellentes Image erarbeitet hat und hält. Unter allen Reisezielen weltweit hat Deutschland seinen Platz über zwei Jahrzehnte unter den Top Ten behauptet. Unser klares Ziel ist, in der Championsleague zu bleiben und diesen Platz auch auszubauen. In Krisen wird schließlich immer auch um Marktanteile gerungen. Ich glaube fest daran, dass die Stärke der Marke und die vielen Assets und die Vielfalt, die man in Deutschland hat, uns auch durch die Krise tragen werden.

Wie werden wir eigentlich wahrgenommen?
Wir haben im Ausland ein exzellentes Image. Belegt ist das unter anderem im Nation Brand Index, innerhalb dessen in 50 Ländern gemessen wird, wie andere uns wahrnehmen. Als Marke haben wir insgesamt den höchsten ScoringWert. Beim Image ist das Reiseland Deutschland in der Kategorie Tourismus zwar nicht „top top“, aber dennoch konstant unter den Top Ten. Dass Deutschland mit den Jahren immer stärker als Urlaubsreiseziel wahrgenommen wurde, lag unter anderem auch an den vielen international sichtbaren Ereignissen: Dem Mauerfall, der Fußballweltmeisterschaft, der Umwandlung von Industriegebieten in Kultur- und Freizeitregionen, um nur einige zu nennen.

Viele wollen also das Land entdecken. Wie ist die Aufteilung Business und Freizeit?
Von den Gästen, die Deutschland aus dem Ausland empfängt, sind derzeit rund ein Viertel Geschäftsreisende und der Rest Leisure-Gäste. Von unseren Touristen kommen übrigens Dreiviertel aus Europa. Dadurch, dass viele Reisende aktuell in in der Pandemie eher nahegelegene Ziele bevorzugen, befinden wir uns in einer starken Position.

Wird die Krise die bislang gewonnenen Errungenschaften gefährden?
Natürlich blicken wir mit großer Sorge darauf, welche Auswirkungen die Pandemie auf die Infrastruktur haben wird. Die Attraktivität eines Reiselandes ist ja maßgeblich von einem reichhaltigen Angebot abhängig. Es stellt sich die Frage, ob durch Insolvenzen und Marktaustritte viel Angebot verloren gehen wird. Positiv zu bewerten ist, dass die Lust zu reisen trotz Corona ungebrochen ist. Unsere aktuellen SentimentUmfragen aus dem Oktober zeigen, dass 53 Prozent der Europäer in den nächsten sechs Monaten verreisen wollen. Unsere Befragungen sind sehr detailliert. Für uns sind nicht nur die Termine wichtig, sondern auch Angaben, wie sich die Gäste aktuell die Reiseinhalte vorstellen und welche Bedenken sie gegebenenfalls haben.

Wie wird Deutschland beim Thema Corona beurteilt?
Auslandsgäste geben Deutschland unter anderem Bestnoten, was das Krisenhandling und das Gesundheitsmanagement angeht. Bei der Befragung nach dem sichersten Reiseland in der Coronazeit hat Deutschland die höchsten Werte. Ich habe den Eindruck, dass die Welt weiterhin anerkennend auf unser Land schaut.

Wird sich etwas durch die Impfstoffe gravierend ändern?
Ein Hinweis, wie schnell das Geschäft auch wieder anspringen könnte, gibt die Reaktion an den Börsen, als der erste Impfhersteller über die anstehende Zulassung informiert hat. Wenn der Impfstoff kommt, ist das nicht nur für die Psyche wichtig, sondern ein wichtiger Impuls, damit aus Planungen ein konkretes Handeln wird. Von der amerikanischen Reiseindustrie wissen wir zum Beispiel, dass Reisepläne bestehen. Also im nächsten Schritt brauchen wir konkrete Reisekorridore und ein klares Reglement. Quarantäne-Auflagen bremsen eine mögliche Erholung.

Es wird bereits darüber diskutiert, dass Personen mit Impfpass leichter reisen können. Wie wird das sein?
Korridore und Reisebubbles sind meiner Ansicht nach positiv zu bewerten und ein notwendiger Beginn. Und wahrscheinlich wird es auch so kommen, dass Inhaber eines Corona-Impfpasses leichter reisen können.

Was wird denn jetzt in den DZT-Büros gemacht in dieser Zeit, wo wir so wenig Incoming haben?
Danke für die Frage. Auch für Touristiker ist die Arbeit nicht weniger geworden. Bei der DZT haben wir uns zu Beginn der Krise sofort entschieden, dass der Kundendialog unbedingt aufrecht erhalten werden muss. Dabei ging es nicht nur um Brand Awareness und Visibility, sondern besonders auch um Empathie in dieser schwierigen Zeit. Unsere interaktiven Maßnahmen haben zu einem sehr hohen Engagement geführt. Aber die virtuelle Welt ist nur ein Teil: Wir stecken sehr viel Engagement in persönliche Gespräche, Workshops, Schulungen und Road Shows sowie in die Zusammenarbeit mit weltweit 8.000 Reiseveranstaltern. Unsere Geschäftspartner sind Key Account Manager, aber auch Kollegen am Point-of-Sale in den Reisebüros.

Geben Sie uns einen Tipp, was wir in Deutschland entdecken sollten?
Lassen Sie uns über Chemnitz sprechen – die neue Kulturhauptstadt. Ich finde die Stadt ist ein Paradebeispiel eines der Hidden Champions, die wir haben, und auf jeden Fall eine Reise wert. Ich glaube grundsätzlich, dass die neuen Bundesländer noch sehr viel Potenzial für einen stärkeren internationalen Tourismus haben. Und damit meine ich keinen Overtourismus, sondern einen qualitativen Kulturtourismus. Hierzulande gibt es so viele Perlen. 

Wir danken fürs Gespräch!

Info zur Person:
Als Vorsitzende des Vorstandes der Deutschen Zentrale für Tourismus (DZT) verantwortet Petra Hedorfer seit November 2003 das Marketing für das Reiseland Deutschland. Nach dem Studium der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften als Diplom-Kauffrau an der Universität Augsburg, ihrer Geburtsstadt, begann Petra Hedorfer ihre Karriere 1998 mit dem Wechsel zur DZT: Hier übernahm Petra Hedorfer die Position der Marketingleitung weltweit und wurde 2000 zum Marketingvorstand berufen. Diese Vorstandsposition hatte Petra Hedorfer bis zu ihrer Wahl als Vorsitzende des Vorstandes im Jahr 2003.