Chamäleon: Ingo Lies

»What a wonderful world«

Für die einen gilt er als aufstrebender Rivale, für andere ist er ein Pionier. Unbestritten sind indes seine Erfolge. Trotz Krise startet Chamäleon-Gründer Ingo Lies durch und punktet vor allem mit Herz, Schmerz und Fernweh.

»What a wonderful world«
INGO LIES gründete Chamäleon 1996, um anderen die Welt mit seinen Augen zu zeigen.
Herr Lies, während Veranstalter und Reisebüros mit den Auswirkungen der Pandemie zu kämpfen haben, starten Sie einen Vorstoß nach dem anderen. Aktuell wurde zum Beispiel die Website ganz neu gemacht. Das war sicher ein größeres Projekt?
Das ist es, und wir haben auch lange vor dem Beginn der Krise damit begonnen. Der Kick-off war im Januar 2019, also vor 19 Monaten. Es ist eine gemeinsame Leistung von unserer Werbeagentur bei der Konzeption sowie die IT-Firma Tour One Systems bei der technischen Umsetzung.

Das Frontend, also das, was wir Nutzer sehen, sieht aufgeräumt aus. Anspruchsvoll ist aber erst die technische Einbindung des Back-Office?
Ja, das stimmt, diese Verbindung von Front- und Backend können auch nur ganz wenige. Vor allem sind die Anfragen im System live. Man sieht zum Beispiel sofort, wie viele Plätze frei sind. Das ist gerade für Reisebüros interessant, die in Echtzeit nach Plätzen suchen. Das sind wichtige Funktionen, welche die klassischen Buchungssysteme kaum hergeben. Das klappt bei uns hauptsächlich, weil das System speziell auf diese Art von Reisen ausgelegt ist, wie wir sie machen. Es gibt auch einen neuen Agentur-Bereich. Hinter einem Login findet das Reisebüro alle Buchungen, das es je gemacht hat, die Kundendaten sowie alle Rechnungen. Man kann auch den Status der Buchung einsehen. Es ist also alles vorhanden, was eine Agentur so braucht.

Auffällig ist die grafische Darstellung der Touren. Was steckt dahinter?
Dieses Konzept des Scrollytelling dürfte in der Touristik einmalig sein. Die Idee stammt ursprünglich von der New York Times und passt genau zu den Reiseverläufen, die bei uns im Mittelpunkt der Planung stehen.

Es wirkt wie die digitale Umsetzung der analogen Urlaubsplanung von einst, als man seine Reise auf Landkarten ausheckte, oder?
Genau! Ich selbst habe noch Karten aus den 90er Jahren aufbewahrt, auf denen ich mit rotem Edding Routen eingetragen habe. Diese Idee haben wir digital umgesetzt. Man kann oben rechts anklicken und sich auch immer die Gesamtkarte anzeigen lassen, damit man die komplette Tourenübersicht hat.

Klingt aufwendig. Was kostet das?
Die Kosten der Website liegen irgendwo zwischen 250.000 und 300.000 Euro.

Mir ist auch aufgefallen, dass durchgehend eine sogenannte Erlebnisbnisberaterin präsent ist, die sogar mit Durchwahl und E-Mail erreichbar ist, Sind das in der Praxis nicht zu viele Anfragen für eine Person?
Wenn es für eine Beraterin zu viel wird, springt das Telefon zur Kollegin um. Die Kunden finden den persönlichen Kontakt sehr gut. Auch die Reisebüros schätzen das, denn auch sie können diese Mitarbeiterin anrufen und haben sofort eine Expertin zur Hand, die jede Frage beantworten kann.

Neben einer neuen Website ist jetzt auch der Chamäleon-Jahreskatalog erschienen, ein Wälzer mit über 450 Seiten. Selbst Ikea hat eine Umfrage unter seinen Kunden gestartet, ob sie noch Print haben wollen. Ist denn so ein Dickschiff nötig?
Zunächst ist das grundsätzlich keine Extraarbeit, denn es gibt einen gemeinsamen Datenpool für Katalog und Website. Ich glaube zwar auch, dass der Katalog irgendwann verschwinden wird, aber noch hält er sich. Wir wollen eine Art Hip-Magazin daraus machen. Etwas, was die Menschen gerne in die Hand nehmen und sich beim Durchblättern inspirieren lassen. Aber insgesamt wird alles digitaler.

Was ist mit den bekannten DVDs geschehen, die immer dabei waren?
Die haben wir erstmalig nicht beigefügt. Das Problem war, dass man dafür einen DVD-Player braucht, und den hat nicht mehr jeder. Jetzt haben wir entschieden, die DVDs durch Filme auf YouTube zu ersetzen.

Auch der jährliche Erlebnis- und Partnertag im Oktober verängeschlosdert sich. In diesem Jahr wird er erstmalig virtuell stattfinden. Wie funktioniert das?
Die beiden Events, einmal für Reisebüros und abends für Kunden, werden live aus Berlin gestreamt. Und ich hoffe, dass sie zum größten Livestream-Ereignis in der Touristik werden. Wir haben 2019 bei der Tournee durch Deutschland insgesamt 10.000 Gäste und 1.000 Reisebüromitarbeiter erreicht. Virtuell ist da noch mehr drin.

Was können die Leute erwarten?
Einmal werden wir die Emotion der Chamäleon-Reisen mit kurzen Clips zeigen, einfach Geschichten erzählen. Mein Sohn Liam wird zwei Lieder singen, und ich möchte noch einmal die Wunder der Erde vorführen und die Sehnsucht zum Reisen wecken. Wir wollen allen Mut machen und sie motivieren, aber wir wollen auch die Sales-Argumente für Chamäleon vorstellen.

Die da wären?
Etwa die guten Provisionen und deren sofortige Auszahlung. Und was bislang niemand macht: die volle Provisionen auf den gesamten Reisepreis trotz Kundenstorno auszahlen. Die Kunden bleiben uns treu, es sind rund 75 Prozent, die auf nächstes Jahr umgebucht haben.
Und das bedeutet: Die Provision bleibt beim Reisebüro und ist eine echte Unterstützung für unsere Partner.

Derartige Lösungen im Sinne der Reisebüros kann man als Veranstalter nur anbieten, wenn man auch ausreichend liquide Mittel hat. Wie sieht das bei Chamäleon aktuell aus?
Das ist völlig richtig, es ist eine Frage der Liquidität sowie der Rücklagenbildung. Wir haben die Gewinne immer größtenteils im Unternehmen belassen. Klar, in Bezug auf die Provisionen sind wir wesentlich in Vorkasse gegangen und sind aktuell bei 30 Mio. Euro Umsatz für nächstes Jahr.

Jetzt geht es im Wesentlichen um Neubuchungen. Was ist der Stand?
Die Buchungen liegen bei uns bisher zwischen 10 und 15 Prozent. Das soll sich aber jetzt im Oktober durch den neuen Katalog, die neue Website und den Partner- und Erlebnistag am 15.Oktober ändern. Mir ist klar, dass wir nicht so viel bekommen werden wie letztes Jahr, aber  ich rechne schon mit 80 Prozent Neubuchungen. Wenn es so käme, würde es nächstes Jahr umsatztechnisch super aussehen. Allerdings ist das nur eine theoretische Annahme. Unser Ziel, 100 Mio Euro Umsatz in 2021, halten wir für realistisch, sofern Reisen ab März 2021 möglich sind.

Beim Thema Reisewarnung schwenken jetzt verschiedene Veranstalter auf einen neuen Kurs ein und wollen die Kunden entscheiden lassen, ob sie das Risiko eingehen oder nicht.
Ja, wir waren sogar einer der Ersten, die Anfang September damit begonnen haben, zum Beispiel mit Reisen nach Tansania und Kenia. Mit 50 Leuten war das anfangs sehr wenig, aber ein Start. Im Oktober sind es schon 150. Neben Tansania sind jetzt Uganda und Namibia dazugekommen. Flüge gibt es auch.

Die Reisen werden angeboten, obwohl das Auswärtige Amt vor Reisen in diese Länder warnt. Ist das wirklich sinnvoll?
Ich habe in den letzten 24 Jahren die Reisewarnungen des Auswärtigen Amtes immer sehr ernst genommen, aber durch die pauschale Warnung war das für uns nicht mehr glaubwürdig. In vielen der angebotenen Ländern sind die Corona-Infektionszahlen viel niedriger als in Europa, trotzdem wird davor gewarnt. Ich finde, dass es erste Schritte zurück in die Normalität geben muss, auch außerhalb Europas. Wir haben ausgefeilte Gesundheitskonzepte erstellt und haben den Vorteil einer geführten Reise in kleinen Gruppen. Gäste haben eine 24-Stunden-Rundumbetreuung, werden in familiär geführten Unterkünften untergebracht und bewegen sich in den großen Nationalparks und nicht in Museen, also in geschlossenen Räumen. Social Distancing ist in den Weiten der Serengeti wirklich kein Problem!

Die Reisehinweise sind dennoch amtlich. Das bedeutet, dass man den Urlauber in der Beratung persönlich überzeugen muss?
Ganz genau. Sie müssen für sich selber entscheiden können. Manche werden uns vertrauen und manche nicht. 

Chamäleon prescht ganz schön vor. Ist das tatsächlich alles machbar?
Das, was ankündigt wird, muss man auch liefern! Bei uns zeugen 20 Prozent jährliches Wachstum davon, dass es funktioniert. Ein neuer Katalog, eine neue Website, unser Live-Event: das sind aus meiner Sicht Beweise, dass wir liefern können und dies auch tun.

Wir danken fürs Gespräch!