Studiosus: Peter Strub

»Das war ein Vollstopp!«

Seit vier Jahrzehnten ist Peter Strub bei Studiosus an Bord, und in dieser Zeit hat er die Welt kennen gelernt. Ein Gespräch mit ihm ist stets ein Austausch über Menschen, Länder und Kulturen. Doch in Zeiten von Corona ist vieles anders.

»Das war ein Vollstopp!«
Peter Strub ist Chief Operating Officer und Touristik-Chef von Studiosus: Der Vielreisende hat fast alle Länder der Welt bereist, war aber noch nie auf Helgoland. Das holt er jetzt nach.
Herr Strub, Sie gelten als Vielreisender und sind immer auf Achse. Das muss jetzt mit den Einschränkungen durch Corona eine große Umstellung sein, oder?
Ja, das ist es. Aber in den Ländern, in die man jetzt noch gut reisen kann, gibt es die einmalige Gelegenheit, sich intensiver mit den Sehenswürdigkeiten und Menschen zu beschäftigen. Denn es gibt viel weniger Besucher, und man hat dadurch viele Attraktionen fast für sich alleine. Persönlich habe ich in den letzten Wochen Deutschland entdeckt, ein Land, das ich bisher fast am wenigsten kannte. Es gibt hier zum Beispiel 46 UNESCO-Weltkulturstätten, 44 davon habe ich mittlerweile besucht.

Sie waren im Juni und Juli aber auch in Italien. Wie war das in Zeiten der Pandemie?
Ein Land wie Italien hat so viele tolle Ecken, Städte und Landschaften, und es hat mich jetzt im Sommer daran erinnert, wie das in den 60er Jahren war, als ich mit meinen Eltern unterwegs war. Die Menschen nehmen sich die Zeit, ordentlich zu kochen und sind sehr zuvorkommend. Ich war fast zu Tränen gerührt, dass alles so ähnlich war wie in meiner Jugend. Ich finde, man muss jetzt die Chance nutzen, alle Plätze zu sehen, die man sonst so nie erleben kann.

Wie ist die Stimmung momentan?
Die Stimmung ist natürlich hier und da etwas gedrückt, weil es hohe Umsatzeinbrüche gab und gibt. Andererseits sind gerade die Italiener auch sehr erfreut, dass Gäste wieder kommen und es sehr viel schneller anlief als gedacht. Wer hätte im April damit gerechnet, dass man im Juni wieder ohne größere Einschränkung reisen kann? Im Süden des Landes meinen die Menschen allerdings, dass sie ungerecht bestraft worden sind. In Rom oder rund um Neapel gab es deutlich weniger Fälle als zum Beispiel in Bayern und Nordrhein-Westfalen.

Das Gefühl, ungerecht über einen Kamm geschoren zu werden, gibt es ja auch anderswo ...
Ja, das kennen wir zum Beispiel auch von unseren Partnern aus La Palma und La Gomera. Dort sagt man sich, wir haben weniger als zehn Neuinfektionen pro Tag und werden mit einer Reisewarnung belegt, nur weil Gran Canaria hohe Infektionszahlen hat.

Das führt zur Frage, wie Sie die pauschale Reisewarnung beurteilen?
Grundsätzlich finden wir das Instrument »Reisewarnung« sehr sinnvoll. Dass das Auswärtige Amt die Bürger informiert, wohin man reisen kann und wohin man nicht reisen sollte. Und wir halten uns natürlich rigoros an die amtliche Reisewarnung und führen in den betroffenen
Länder keine Reisen durch.
Die pauschale Reisewarnung lässt sich kaum nachvollziehen.

Es ist aber wenig nachvollziehbar, dass die Liste der Risikogebiete des Robert Koch-Instituts nicht deckungsgleich ist mit den Ländern und Gebieten des Auswärtigen Amts, die mit einer Reisewarnung belegt sind. Nur wenn das RKI ein Land oder eine Region als Risikogebiet einstuft, sollte das Auswärtige Amt nachziehen. Das ist ja für Europa überwiegend so geschehen, doch außerhalb des Schengen-Raums ist das leider nicht mehr nachvollziehbar. Es gibt Länder mit einem niedrigen Infektionsgeschehen, viel niedriger als in Deutschland, die aber mit einer pauschalen Reisewarnung belegt sind.

Geben Sie uns ein Beispiel?
Ein Land wie Georgien hat geringe Corona-Fallzahlen und lässt Deutsche einreisen, ist dennoch mit einer Reisewarnung belegt, obwohl es kein Risikogebiet im Sinne des RKI ist. Ähnlich verhält es sich mit Tunesien, Japan, Kanada, Jordanien oder verschiedenen afrikanischen Ländern. Wir würden wünschen, dass die Länder und Regionen, vor denen das Auswärtige Amt warnt, identisch sind mit den Risikogebieten des RKI – aber das scheint ja jetzt ab Oktober mit der Überarbeitung der länderbezogenen Sicherheitshinweise zu kommen.

Der andere Aspekt ist, wie feingliedrig die ausgegebenen Reisewarnungen sind, oder?
Ja, das ist leider auch recht unterschiedlich. Zum Beispiel werden in Frankreich einzelne Departments gekennzeichnet oder in Belgien einzelne Städte wie Antwerpen, also sehr filigran, während die Urlaubsinseln Spaniens pauschal belegt werden. Viele der Inseln sind ja noch durchs Meer voneinander getrennt, was die Übertragung erschwert. Das ist für Reisende und für uns als Veranstalter nicht mehr so richtig nachvollziehbar. Übrigens, in vielen Gebieten Frankreichs führen wir Reisen durch, etwa in der Bretagne oder an der Loire. Das würden wir in Spanien gerne genauso tun.

Können Sie rückblickend schildern, wie das für Studiosus am Anfang der Pandemie war, wie sich das alles entwickelt hat?
Ich unterscheide da verschiedene Phasen. Phase eins war ganz klar, die Maschine zum Stillstand zu bringen. Das war ein Vollstopp, und wir mussten die Kunden so schnell wie möglich zurückbringen. Da waren unsere Kräfte darauf ausgerichtet, die Urlauber aus 40 Ländern sicher nach Hause zu bringen, was wir tatsächlich innerhalb einer Woche geschafft haben. Dann kam die Phase der internen Organisation. Wir mussten uns so ausrichten, dass wir diese Krise langfristig durchhalten. Also, Kosten reduzieren und Kurzarbeit einführen, um keine Mitarbeiter entlassen zu müssen. Dann folgte die Phase des Restarts: Da ging es um das Erstellen eines detaillierten Hygienekonzepts, um aufwendige Recherchen vor Ort, um die Reisen so vorzubereiten, dass alles ohne Komplikationen läuft.

Was ist dann die aktuelle Phase?
Seit ein paar Wochen sind wir im »Restopp«, weil wir viele Zielgebiete, in die wir wieder Reisen durchgeführt haben, jetzt erneut verloren haben. Entweder dürfen wir wegen der Reisewarnungen nicht mehr hin, oder die Länder schließen uns aus. Da müssen wir kurzfristig reagieren, wenn Länder wie Island oder die Baltischen Staaten keine deutschen Urlauber mehr einreisen lassen oder unsere Gäste zwei Wochen in Quarantäne gehen müssten. Wir müssen also unser Portfolio neu ausrichten, mehr Deutschlandreisen anbieten, mehr Reisen ohne Flüge und kritische Dinge rausnehmen, bei denen wir zum Beispiel den Mindestabstand nicht einhalten können.

Was schätzen Sie, wie lange werden uns die Reisebeschränkungen der Pandemie begleiten?
Das ist ein Blick in die Glaskugel. Wir gehen davon aus, dass wir im Winter zu den beliebten Winterzielgebieten nur wenige Reisen durchführen können und die entscheidende Phase erst im Frühjahr sein wird.

Ende September kommen die neuen Jahreskataloge heraus. Haben Sie am Portfolio etwas geändert?
Natürlich haben wir reagiert. Wir bieten verstärkt Reisen in Deutschland und die Nachbarländer an. Zudem haben wir Programmteile verändert, also Elemente rausgenommen, bei denen die Abstandsregeln nicht eingehalten werden können, auf Ausflugsschiffen zum Beispiel, die schnell überfüllt sind. Insgesamt haben wir das Angebot an Zielgebieten an die Lage angepasst, aber haben nach wie vor ein vollständiges Reiseangebot. Angesichts der Entwicklungen in Sachen Impfstoff gehen wir davon aus, dass es 2021 ab einem bestimmten Zeitpunkt wieder eine stärkere Reisetätigkeit geben wird. Dennoch werden wir noch weit vom Normaljahr 2019 entfernt sein, keine Frage.

Das war natürlich ein unglaublicher Umsatzeinbruch. Wie hat es Studiosus das durch die Krise geschafft?
Einerseits leben wir von Rücklagen. Wir haben aus den vielen Ereignissen in den letzten Jahren – ob Vulkanausbrüche, Terroranschläge oder Kriege – gelernt und uns vorgenommen, gewappnet zu sein. Das bedeutet, wir müssen in der Lage sein, im Extremfall ein ganzes Jahr ohne Gäste zu überstehen. Im zweiten Schritt haben wir Kosten gesenkt, auch mithilfe von Kurzarbeit, damit können wir die gesamte Mannschaft und damit auch das Know-how behalten. Es ist also eine Kombination aus Rücklagen und Kostensenkungsmaßnahmen, die uns eine langfristige Sicherheit gibt.

Wie hoch ist der Einbruch?
Wir gehen davon aus, dass wir dieses Jahr nur 10 bis 15 Prozent eines normalen Jahres erwirtschaften werden, haben also 85 bis 90 Prozent Rückgang zu verkraften. Ich gehe davon aus, dass wir ab November nur noch sehr wenig bewegen können, aber die entscheidende Frage wird sein, wie viel werden wir nächstes Jahr erreichen? Noch bleiben wir bei der aktuellen Schätzung zwischen 30 und 50 Prozent eines normalen Jahres, aber bei einer schnellen Entwicklung eines massenfähigen Impfstoffes könnte es in der zweiten Jahreshälfte auch besser laufen.
Wieviel werden wir nächstes Jahr erreichen?

Haben Sie einen Ratschlag für Reisebüros, was sie aktuell tun können?
Zum einen Kosten senken, wo man kann, aber das weiß ja jeder selbst. Der zweite Tipp ist vielleicht wichtiger, nämlich detaillierte Hinweise an die Kunden geben, wohin man unter welchen Bedingungen reisen kann. Es gibt eine große Informationslücke bei vielen Reisewilligen, die zum Beispiel gar nicht wissen, dass man momentan auf Zypern wunderbar Urlaub machen kann. Dorthin kann man direkt fliegen, die Hotels sind nur zu 10 bis 15 Prozent ausgelastet, und es gibt täglich nur einstellige Infektionszahlen. Jetzt sind die Reisebüros ebenso wie die Reiseveranstalter aufgerufen, die Kunden mit Informationen zu den Reisemöglichkeiten zu versorgen, zu beraten und auch die Vorteile zu erklären, die sie jetzt auch haben.

Wir danken fürs Gespräch!

Peter Strub ist Chief Operating Officer und Touristik-Chef von Studiosus: Der Vielreisende hat fast alle Länder der Welt bereist, war aber noch nie auf Helgoland. Das holt er jetzt nach.