Solamento: Sascha Nitsche

»Zuschuss-Starre«

Der Gründer und Inhaber von Solamento Reisen ist bekannt für klare Kante. Sascha Nitsche vermisst einen Ruck in der Branche, ärgert sich über die Alles-wieder-zurück-Haltung und fordert nachhaltige Konzepte für die Zukunft.

»Zuschuss-Starre«
Foto: Solamneto Reisen Sascha Nitsche, (46), Inhaber und Gründer, verheiratet, drei Kinder plus Hund; Lieblingsziele Asien, Indischer Ozean, USA und Kanda. ​Seit der Gründung im Jahr 2005 wächst das Unternehmen von Sascha Nitsche konstant. Inzwischen betreut ein Team von 20 Mitarbeitern in Essen die rund 300 selbstständigen solamento-Reiseberater in Deutschland.

Herr Nitsche, wie empfinden Sie die Stimmung in der Branche derzeit?
Mein Eindruck ist, dass ein Großteil der Branche in eine Art »Zuschussstarre« verfällt. Das heißt, das Geld kommt vom Staat, und ich lehne mich zurück und warte, was passiert. Das stört mich. Was mir fehlt, ist das gemeinsame »Chakka« der Branche. Und es ist ein kommunikatives Durcheinander: Die Verbände arbeiten unterschiedlich und haben ganz unterschiedliche Interessen. Das Hauptproblem ist aber, dass man als Branche insgesamt nicht mit einer »Konzeptionellen Stimme« spricht. Wenn der Endverbraucher nichts versteht und verwirrt wird und die Branche uneinig ist, wie soll das alles dann funktionieren?
 

»Dafür muss ich mich nicht stundenlang in Stuhlkreisen aufhalten.«


Also, eine Situation wie im Frühjahr mit der Gutscheindebatte?
Ja, auch da fehlte die Klarheit, bei allem Verständnis für die anfängliche Überforderung aller. Warum sollte ich für meinen Kunden, der für seine gebuchte Pauschalreise einen Sicherungsschein hat, diesen in einen ungesicherten Gutschein übertragen? Warum sollte er sein Geld jemandem geben, der damit wieder sein altes Geschäftsmodell betreibt, was schon vorher vermutlich schlecht war, um das weiterhin zu stützen? Für mich war das von Anfang an ziemlich unlogisch. Dafür muss ich mich nicht stundenlang in Stuhlkreisen aufhalten. Da hätten auch die großen Verbände der Branche und auch der DRV von Anfang an klare Ansagen machen und für mehr Sicherheit und Vertrauen beim Kunden sorgen können.


Beim Endverbraucher herrscht in der Tat noch immer große Verwirrung ...
Auch die Sicherheit fehlt. Auf der anderen Seiten müssen wir die Themen auf der Vertriebsebene angehen, weil es jetzt einfach »Peng« gemacht hat und wir für Lau gearbeitet haben. Sechs Monate nach Beginn der Misere fehlen immer noch Antworten, wie wir die Saison 2021 angehen wollen. Und wenn ich 100 Prozent des Ticketpreises fordere und das Geld acht Monate lang behalte und nicht zurückbezahle, schaffe ich mit Sicherheit kein Vertrauen!

 

Die Kritik ist angekommen, dennoch gibt es einige Initiativen, um Dinge endlich anders zu machen.
Absolut, die Initiative One Voice zum Beispiel ist richtig, da ist Bewegung in die richtige Richtung drin! Aber es fehlt insgesamt mehr Schwung. Der vielbesagte Ruck, der kommt einfach nicht. Es gibt kaum neue Zukunftskonzepte, da wird nur gerne spekuliert. Mir fehlt schlichtweg der Spirit für »so geht es 2021«! Wir haben jetzt die Chance zu sagen, was wir ändern wollen.
 

»Wir müssen mehr über die Zukunft des Reisens reden«
 

Dazu gehört vielleicht zunächst die Erkenntnis, dass Touristik eine eher ertragsarme Branche ist, oder?
Ja, aber dann kann doch nicht die einzige Antwort auf die Krise lauten: Wir müssen billiger werden! Wir brauchen Themen für die Zukunft, wir müssen über mehr Nachhaltigkeit und über die Zukunft des Reisens reden. Wer stellt die Frage, ob dieser Massentourismus, wie er vor Corona war, richtig ist? Wollen wir das in Zukunft? Wollen wir wirklich die Ressourcen, die wir haben, weiterhin kaputt machen? Neue Konzepte werden für mich zu wenig bis nicht entwickelt und gelebt.
 

Bedeutet das nicht auch, dass die Skalierungseffekte der Großen in Frage gestellt werden müssen?
Kann schon sein. Man muss sich schon fragen: Ist es das? Wir wollen ja Wachstum, aber wie soll Wachstum entstehen? Und wir reden hier übrigens nicht nur über den Tourismus, sondern auch über andere Branchen, wenn man zum Beispiel die Entwicklung in der Automobilbranche sieht. Insofern muss man endlich einen Punkt finden und klar sagen: Die Ressourcen sind endlich. Es wird künftig um Erhaltung gehen.

 

Was sieht es mit der Zukunft des Reisebüros aus? 
Ich frage mich schon lange, wie soll das Geschäftsmodell »Reisebüro« sein? Ist es eine Art Reise-Krisenmanagement-Touchpoint, wo ich dem Kunden Tipps und Ratschläge geben darf? Dazu muss ich natürlich auf verlässliche Informationen zugreifen können und muss auch das passende Produkt haben. 
 

 »Man könnte genauso gut ein Museum einrichten und sagen, so wird immer gearbeitet ...«
 

Auch die Mechaniken müssen sich ändern, denn der Kunde versteht das alles nicht mehr, oder? 

Stornokosten, Umbuchungsgebühren, das sind Dinge, die in der Pandemie-Praxis beim Kunden kaum nachvollziehbar sind. Reisebüros müssen sich doch jetzt mehr denn je fragen: Wo ist zukünftig mein Geschäftsmodell? Was ist eigentlich meine Daseinsberechtigung?
 

So wie Immer weitermachen, das funktioniert also nicht mehr?

Natürlich nicht. Da könnte man genauso gut ein Museum einrichten und sagen, schau mal, so war das im Reisebüro in den 80ern, 90ern und heute. Vielen ist doch klar, dass es so nicht mehr funktionieren kann, dafür stecken zu viele Fehler drin, die wir als Branche nicht sauber gelöst haben. Wir müssen die nächsten Monaten überleben. Aber wollen wir das Alte wieder hochfahren, dann in einem halben Jahr wieder losheulen und nach Staatshilfen rufen, wenn die nächste Pandemie ausbricht?

 

Wie soll das Leben als Reisemittler künftig aussehen?

Ich habe da auch kein Patentrezept, aber wir brauchen Konstrukte und Ideen, um zu sehen, ob das überhaupt funktioniert. Ich sehe die Lösung nicht darin, dass wir Massentourismus in die Bettenburgen bringen. Das ich jedenfalls nicht das, was ich will. Ich sehe eher die Notwendigkeit, Facilities zu erfassen und zu digitalisieren und in den Vertrieb reinzubringen, damit Dienste und Produkte am Ende des Tages am Counter verkauft werden können.

 

Gibt es neue Ansätze, die Sie in Ihren Boutique-Geschäften ausprobieren?

Ich entwickele neue Ideen, um Zusatzerträge im Büro zu generieren. Ich glaube, wir müssen das Thema Reisebürokonzept neu denken. Wir brauchen Konzepte, um Kunden vermehrt in die Reisebüros zu kriegen, die dort zwar nicht zwingend eine Reisen buchen müssen, aber vielleicht andere Dinge kaufen. 
 

»Am Touchpoint muss die Frequenz erhöht werden.«
 

So etwas wie Events, Lesungen oder mit Outdoor-Ausrüstern?

Ja, es gibt viele Ideen, und wir haben das hier und da schon früher gemacht. Ich bin gerade dabei eine Art Shop-in-Shop-Konzept zu machen, mit neuen Marken und neuen Inhalten. Über die Produkte wird dann das Reisen wieder schmackhaft gemacht. Das alte Konzept, »ich buche mal eine Reise und komme dann ein Jahr nicht mehr rein«, funktioniert einfach nicht. Am Touchpoint muss also die Frequenz erhöht werden. Damit der Kunde öfter in den Laden kommt, muss man mit anderen Komponenten arbeiten. Es ist aber schwierig, etwas Neues zu entwickeln, wenn alle die alte Strategie fahren. 

 

Danke fürs Gespräch!

 

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