MARTIN LOHMANN, NIT

»UNVORSTELLBARE RÜCKGÄNGE«

Seit 50 Jahren gibt es die jährliche Reiseanalyse (RA) der Forschungsgemeinschaft Urlaub und Reisen in Kiel. Wissenschaftlich wird die RA von Martin Lohmann und seinem Team begleitet. Ein Gespräch über die aktuellen Ergebnisse 2021, die Aussichten in der Pandemie und die Rolle der Reisebüros.

»UNVORSTELLBARE RÜCKGÄNGE«
MARTIN LOHMANN, Geschäftsführer des NIT in Kiel, Professor an der Leuphana Universität Lüneburg und Berater der Reiseanalyse (RA)
Herr Lohmann, Umfragen und Analysen stellen erst einmal nur Erkenntnisse aus der Vergangenheit fest. Wie kann das bei der künftigen Planung helfen?
Eine genaue Beschreibung und Analyse der Ist-Situation und der Entwicklungen, die dort hingeführt haben, ist die notwendige Basis für jede Zukunftsplanung. Daraus lernt man auch die Regelhaftigkeiten, die einem eine Zukunftsabschätzung überhaupt erst ermöglichen. Schließlich fragen wir in der RA auch nach den persönlichen Plänen und Präferenzen der Reisenden.

Schaut man also die Ergebnisse der aktuellen Reiseanalyse für 2021 an, so verwundert es nicht, dass sie einen dramatischen Einbruch zeigen und der erfolgsverwöhnten Reisebranche „unvorstellbare Rückgänge“ bescheinigt werden. War das Ausmaß aber tatsächlich so groß?
In 2020 gab es rund 20 Prozent weniger Urlaubsreisende als 2019, 30 Prozent weniger Urlaubsreisen sowie 40 Prozent weniger Gesamtausgaben bei Urlaubsreisen. Das ist natürlich schon krass! Aber es ist jetzt auch nicht so, als sei keiner gereist. In der gesellschaftlichen Diskussion und auch in der Fachöffentlichkeit klang es oft so, als wären wir von 70 Millionen Urlaubsreisen auf sieben oder null zurückgegangen. Das sind wir aber nicht! Und das fand ich persönlich erstaunlich, dieses Missverhältnis von öffentlicher Wahrnehmung und Realität.

Anders ausgedrückt: Es wurde mehr gereist, als wir empfunden haben?
Es war sicher kein Jahr ohne Tourismus. Sondern der Urlaubstourismus der Deutschen kam sozusagen in einem anderen Gewand daher. Ziemlich viele Menschen haben eine Urlaubsreise gemacht und von den Vorteilen durchaus profitieren können. Es gab also Reisen. Kaum davon profitieren konnte die Touristik, also zum Beispiel Reiseveranstalter oder Kreuzfahrtanbieter, die unter den Beschränkungen durch die Maßnahmen arg gelitten haben. 

Auffällig ist auch, dass wir eine hohe Stabilität in den Reiseabsichten haben, oder?
Die meisten Deutschen haben Anfang des Jahres recht zuversichtlich auf das Reisejahr 2021 geblickt, und tun das auch jetzt im Herbst für die kommenden Monate. Es gibt eine starke Sehnsucht nach Urlaubsreisen. Das ist nicht selbstverständlich: Die Urlauber hätten auch in der Pandemie lernen können, wir bleiben jetzt lieber zu Hause, es ist einfach zu gefährlich, und schließlich können wir auch in Deutschland gut leben. Reisen hat aber keineswegs an Bedeutung verloren, und das finde ich bemerkenswert.

Die Umfrage belegt dann auch, dass der Einbruch nicht daran liegt, dass Menschen keine Lust hätten zu verreisen. Ist das eine Folge der vielen Einschränkungen, oder?
Da kommt vieles zusammen: die schwierigen Rahmenbedingungen, der ständige Wechsel von Vorschriften, die niemand so richtig nachvollziehen, geschweige denn vorausdenken kann, weder die Branche noch ihre Kunden. Aber die grundsätzliche Bereitschaft zu reisen ist da.

Für viele waren die Reisehinweise des Auswärtigen Amts quasi ein Reiseverbot. Erhöht das nicht die Hemmschwelle für einen Urlaub?
Für den Verbraucher hat sich das tatsächlich so dargestellt. Also Reisen war möglich, denn es war jetzt nicht explizit verboten worden. Aber die Hürden waren so hoch, dass es als unmöglich angesehen wurde. Und abgesehen von der Unmöglichkeit, würde es eben auch keinen Spaß machen. Und wenn ich nicht kann, soll und dann noch obendrein noch strenge Bedingungen habe, die es nicht mehr attraktiv machen, bleibe ich natürlich zu Hause.

Jetzt sind wir ein ganzes Stück weiter, die Pandemie hat sich verändert, wir haben eine hohe Impfquote. Schon taucht das nächste Thema auf: die 3 G- oder 2 G-Regelung. Wird das Auswirkungen haben?
Ich gehe davon aus, dass die NichtGeimpften für den Tourismus keine große Rolle spielen werden. Die klassische touristische Nachfrage für Studienreisen wie für Badeurlaub auf Mallorca oder Ägypten wird eher von Geimpften oder Genesenen kommen. Unter diesen Bedingungen werden solche Regeln gut funktionieren.

Bei den Konsumpriorität steht die Urlaubsreise ganz weit oben. Also ein guter Grund für Optimismus?
Ja, das ist es, und ich muss es noch einmal betonen: Das ist wirklich erstaunlich, weil es nicht hätte sein müssen. Die Reiselust ist ungebrochen.

Eine gute Nachricht, weil es tatsächlich auf einen Art Rebound-Effekt hindeutet, oder?
So ist es!

Die Frage ist dann eher, welches Niveau wird das haben? Wie in den Vorjahren?
Das quantitative Niveau der Nachfrage erwarten wir jetzt nicht in diesem Jahr. Wahrscheinlich auch nicht im nächsten, aber im übernächsten Jahr könnten wir wieder das Niveau wie vorher erreichen, zumindest bei den Urlaubsreisen. Betrachtet man die Reiseanalyse in den letzten zehn Jahren, stellen wir fest, dass rund 75 Prozent der Deutschen eine Urlaubsreise gemacht haben und wir insgesamt auf 69 oder 70 Millionen Reisen pro Jahr kommen, weil manche Urlauber mehrere Reisen machen. Diese Zahl werden wir wieder erreichen, selbst unter den veränderten Bedingungen. Vorausgesetzt, es passiert nicht irgendwas Neues.

Die Analyse stellt dennoch fest, dass Menschen bereit wären, mehr Geld für die Reise auszugeben?
Ja, das ist aber ein Trend, der zeitlich begrenzt ist. Es ist wie bei jeder Dienstleistung: Der Urlaub ist nicht lagerfähig. Ich kann jetzt nicht plötzlich zehn Reisen auf einmal machen. Mehr als ein Urlaub auf einmal geht nicht. Bei dem kann ich dann aber durchaus großzügiger sein. 

Die Folgen der Pandemie haben viele Reisebüros hart getroffen, und viele stehen wirklich mit dem Rücken zur Wand. Gab es aus den Zahlen etwas zu lesen, wie sich die Rolle der Reisebüros wandelt?
Wir sehen, dass in der Krise auch eine Chance steckt. Gerade die Reisebüros sind so oft totgesagt worden, und es gibt sie immer noch. Reiseberater  werden von vielen Kundengruppen geschätzt, und zwar für bestimmte touristische Produkte. Wenn ich ein Wochenende im Harz plane, gehe ich da kaum hin. Aber wenn ich eine Fernreise plane oder ein günstiges Veranstalterprodukt sehe, dann lasse ich mich beraten. In der Post-Corona-Zeit haben wir eine Situation, in der dieses Expertise ziemlich wertvoll ist. Als Kunde kann ich unmöglich verfolgen, zu welchen Bedingungen ich wann wohin fahren kann. Da geht man doch lieber ins Reisebüro. Grundsätzlich finde ich aber das Modell Reisebüro mit vernünftiger Beratung schon richtig klasse!

Ich danke fürs Gespräch! 

Das Interview ist in der aktuellen Ausgabe des TRVL Counter Quartely Herbst 2021 nachzulesen.